Konzept

1 Einleitung:
Wir wollen eine menschenwürdige Behandlung der Bewohner in psychischen Krisen gewährleisten.
2    Träger
Träger wird der Verein Recovery-Haus-Initiative Osnabrück.
Er orientiert sich in seiner Struktur am Berliner „Verein zum Schutz vor psychiatrischer
Gewalt e.V.“, der am 1.1.96 das erste Weglaufhaus in Deutschland eröffnete.
3    BewohnerInnen
3.1    Aufnahmevoraussetzungen
Im Recovery-Haus können bis zu 12 Menschen wohnen. Aufnahme können nur Menschen
finden, die aus eigenem Entschluß aus der Psychiatrie oder aus Heimen weglaufen oder
sich vor psychiatrischen Einrichtungen schützen wollen. Die Hälfte der Plätze soll für Frauen freigehalten werden. Es wird angestrebt, besonders solche Menschen aufzunehmen, die noch keine oder erst einmalige Erfahrung mit der Psychiatrie haben. Nicht aufgenommen wird, wer akut von Alkohol oder illegalen Drogen abhängig ist.
3.2    Aufnahmeverfahren
Vorläufige Aufnahme
Wer im Recovery-Haus leben möchte, wird von den anwesenden MitarbeiterInnen vorläufig
aufgenommen. Folgende Fragen werden in einem Erstgespräch bzw. während der
zweiwöchigen Probezeit geklärt:
– Reichen die Angebote und Möglichkeiten des Recovery-Hauses aus und werden sie den
Problemen und Bedürfnissen der Betreffenden gerecht?
– Besteht der Wunsch, Psychopharmaka abzusetzen? (Aufklärung über Verfahren und
mögliche Entzugssymptome) 3
– Besteht die Bereitschaft, die Grundregeln des Zusammenlebens im Recovery-Haus zu
akzeptieren?
– Wurde der oder die Recovernde zwangseingewiesen? Besteht ein
„Betreuungs“verhältnis (früher: Vormundschaft oder Pflegschaft)?
– Ist der/die Recovernde aus eigener Motivation gekommen?
Besteht die Bereitschaft, das Leben auf Dauer eigenverantwortlich zu gestalten?
Besteht eine Mitgliedschaft im Verein oder wird sie angestrebt?
Endgültige Aufnahme
Die endgültige Aufnahme wird von einem zweiwöchigen Probewohnen abhängig gemacht.
Innerhalb von 2 bis 3 Wochen entscheidet die Hausversammlung (stimmberechtigt sind alle
MitarbeiterInnen und BewohnerInnen, die nicht mehr in der Probezeit sind) über die
endgültige Aufnahme. Hier können von seiten der BewohnerInnen oder MitarbeiterInnen
begründete Einwände geltend gemacht werden. Diese werden gemeinsam diskutiert. Falls
keine Einigung durch eine 2/3-Mehrheit zustande kommt, wird das Probewohnen um zwei
Wochen verlängert. Danach entscheidet die einfache Mehrheit, wobei den BewohnerInnen
ein Vetorecht eingeräumt wird.
3.3    Dauer des Aufenthaltes
Die Dauer des Aufenthaltes im Recovery-Haus richtet sich nach der persönlichen Situation der
einzelnen BewohnerInnen.
Grundsätzlich sollte aber ein Zeitraum von sechs Monaten nicht überschritten werden.
4    MitarbeiterInnen
4.1    Einstellung
Einstellungsvoraussetzungen
Nur Menschen mit einer psychiatriekritischen Haltung kommen als MitarbeiterInnen in
Betracht. Liegt eine formale Qualifikation, wie z.B. ein Abschluß als MedizinerIn, Diplom    -PsychologIn, DiplompädagogIn usw. vor, wird geprüft, inwieweit die Betreffenden trotz ihrer Ausbildung und eventuell vorhandenen Berufserfahrung zum unvoreingenommenen
Umgang mit Menschen bereit sind.

Erfolgreiche Bewältigung eigener Psychiatrie- oder sonstiger Extremerfahrungen ist zwar
keine Garantie für einen gleichberechtigten Umgang mit anderen Menschen, kann aber eine zusätzliche Qualifikation darstellen.
Erwähnen möchten wir an dieser Stelle die Soteria in Kalifornien als bekanntestes Beispiel
dafür, daß engagierte „LaiInnen“, die ihre Aufgabe darin sehen, für die Betroffenen da zu
sein statt sie zu behandeln, mittel- und langfristig bessere Ergebnisse im Umgang mit ver-rückten oder psychiatrisierten Menschen erzielen können, als Professionelle.
Auch der amerikanische Psychiater Peter Breggin, vehementer Kritiker seiner „KollegInnen“, beschreibt, wie er als achtzehnjähriger an der Enthospitalisierung angeblich unheilbarer „PatientInnen“ mitwirkte.
Im schwedischen Säter gelang es der Hausfrau und Mutter Barbro Sandin, einem als
unheilbar von der Psychiatrie aufgegebenen jungen Mann zu helfen. Daraufhin übertrug
man ihr und einem kleinen Team die Verantwortung für eine psychiatrische Station. In einer Studie zeigte sich, daß die ihr anvertrauten Menschen auf Dauer größere Erfolge erzielten als Personen einer Vergleichsgruppe, die sich in gewöhnlicher Anstaltsbehandlung befanden.
Dies sind nicht die einzigen alternativen Projekte, die sich gegen die Medizinalisierung
psychischer Probleme wenden und statt dessen auf Beteiligung von LaiInnen sowie
Empowerment und Selbstbestimmung setzten. Eine Zusammenstellung weiterer Beispiele
ist bei Lehmann 9 nachzulesen (siehe hierzu auch Punkt 13 Die Berliner Erfahrungen).
Einstellungsverfahren
Wer im Recovery-Haus arbeiten will, stellt sich den BewohnerInnen und MitarbeiterInnen vor. Neue MitarbeiterInnen werden von der Genossenschaft unter Berücksichtigung des Votums der BewohnerInnen und der MitarbeiterInnen auf Probe eingestellt. Nach erfolgreicher Probezeit erfolgt die endgültige Einstellung, wobei die Hausversammlung ein Vetorecht hat. Die Hälfte der festangestellten MitarbeiterInnen müssen Psychiatrie-Erfahrene sein. Außerdem müssen die Hälfte der festangestellten MitarbeiterInnen Frauen sein.
Die MitarbeiterInnen sollen auch in Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg geschult werden und in der Lage sein, den Bewohnern Empathie in ihrer Krise entgegenzubringen. Wie in der Soteria sollte ein „Dabeisein“ und Empathie geben das wichtigste sein, was man den Betroffenen mitgibt auf den Weg zur „Heilung“.
4.2    Arbeitszeit
Den BewohnerInnen stehen nach Möglichkeit zwei MitarbeiterInnen zur Seite. Um den
Tagessatz bezahlbar zu halten planen wir folgende Schichtenregelung:
Frühschicht lang:      8:00 – 16:30
Frühschicht kurz:      8:00 – 14:00
Nachtschicht lang:    16:00 –  8:30
Nachtschicht kurz:    20:00 –  8:30
Jede der Schichten wird pro Tag mit je einer Person besetzt. Die kurze Frühschicht wird
nach Möglichkeit wochenweise von derselben Person durchgeführt, um Kontinuität beim
Kontakt mit den verschiedenen Ämtern zu gewährleisten.
Eine Bereitschaftsregelung gewährleistet, daß jederzeit ein bis zwei weitere MitarbeiterInnen dazu geholt werden können, wenn die BewohnerInnen viel Unterstützung brauchen. Die Arbeitszeit pro Mitarbeiterin beträgt 30 Stunden pro Woche, um eine Erholung von der überdurchschnittlich anstrengenden Arbeit zu ermöglichen. Pro Woche findet eine vierstündige MitarbeiterInnenversammlung statt.
4.3    Zahl der benötigten MitarbeiterInnen
Wir benötigen 14 MitarbeiterInnen. Davon können 2 Zivildienstleistende sein. Ein/e
zusätzliche/r MitarbeiterIn befaßt sich mit der Verwaltung. Dies ergibt sich aus folgender
Berechnung:
Summe der Schichten: 43,5 Stunden pro Tag ergeben 304,5 Stunden pro Woche.
Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt nach Abzug der Besprechung 26h. Bei et wa 44 zur
Verfügung stehenden Arbeitswochen im Jahr (Urlaub, Krankheit) ergibt sich eine
wöchentliche Gesamtarbeitszeit von: 26 x 44/52 x 14 =  308 Stunden. Damit sind die 304,5 Stunden, die die Dienste in der Woche erfordern, abgedeckt.
Für folgende Bereiche werden zusätzlich stundenweise MitarbeiterInnen auf Honorarbasis
benötigt:
– juristische und medizinische/heilpraktische Beratung
– kreative Angebote (nach Interesse)
– Angebote zur physischen und psychischen Entspannung (Massage, Yoga, Tanz oder
ähnliches)
– Selbstverteidigung
– frauenspezifische Angebote
4.4    MitarbeiterInnen – Versammlung
Sie findet wöchentlich statt und dient der Koordination und dem Erfahrungsaustausch. Die
BewohnerInnen können passiv teilnehmen.

5    Recovery-Haus statt Neuroleptika
5.1    Die im Recovery-Haus angestrebte Praxis
Ziel des Aufenthaltes im Recovery-Haus ist es, den Weg in ein selbstbestimmtes Leben
freizumachen oder ihn zu erleichtern.
Niemand wird im Recovery-Haus gezwungen, Medikamente zu nehmen, aber auch nicht, sie abzustzen Da es im Recovery-Haus keinen Psychiater gibt, müssen die Bewohner, die Medikamente nehmen, von einem Ambulaten Psychiater behandelt werden. Wer keine Medikamente nehmen will, braucht dies auch nicht.
Dazu sind allgemeine Kenntnisse über die Wirkungsweise dieser Drogen, aber auch eine Kenntnis der Wirkungsweise auf den eigenen Körper erforderlich.
Die MitarbeiterInnen haben daher die Aufgabe
* Kenntnisse über die allgemeine Wirkung der Neuroleptika (und anderer
Psychopharmaka) zu vermitteln 15
* die BewohnerInnen aufzufordern, auf die Wirkung der Neuroleptika  auf den eigenen
Körper und die eigene Psyche zu achten
* auf Wunsch die Adressen von ÄrztInnen, PsychologInnen, HeilpraktikerInnen und
Selbsthilfegruppen zu vermitteln, die die Ideen des Recovery-Hauses unterstützen
* die BewohnerInnen darauf hinzuweisen, daß ihr Auftreten gegenüber PsychiaterInnen
und anderen ÄrztInnen Einfluß auf deren Verschreibungsverhalten hat
* auf „Beruhigungs“- und „Schlafmittel“ aufmerksam zu machen, die in ihren Wirkungen
wesentlich harmloser sind als die psychiatrischen Psychopharmaka    16
* seelische und soziale Probleme als solche zu bezeichnen und diese nicht zu
medizinalisieren
* Den Bewohnern Empathie zu geben und ein „Dabeisein“ wie in der Soteria zu praktizieren
6    Im Weglaufhaus
6.1    Der Alltag im Weglaufhaus
Der Alltag im Weglaufhaus hat eine andere Struktur als der in der Psychiatrie. Nach
Möglichkeit gestalten die BewohnerInnen ihren Tag selbst. An die Stelle von künstlich
inszenierten „therapeutischen“ Beschäftigungen treten die Notwendigkeiten des
gemeinsamen Lebens in einem großen und intensiv genutzten Haus.
6.2    Fragen, die während des Aufenthaltes im Weglaufhaus zu klären sind
Möchte der/die BewohnerIn einen Psychopharmaka-Entzug machen?
Die MitarbeiterInnen klären über die Durchführung, Risiken und Entzugssymptome sowie
Erfahrungen anderer mit dem Entzug auf.
Es werden Alternativen, wie z.B. Tees und pflanzliche Heilmittel, vorgestellt. Außerdem
werden mit den BewohnerInnen zusammen Strategien erarbeitet und ausprobiert,
psychische Krisensituationen frühzeitig zu erkennen und den Umgang mit solchen
Situationen so zu gestalten, daß die Einnahme von Psychopharmaka oder zumindest ein
Aufenthalt in der Psychiatrie in Zukunft vermieden werden kann.
Wir bieten folgende Selbsthilfetrategie an:

Zu lesen unter http://www.recovery-strategie.de/

Wie soll die Wohnsituation nach dem Aufenthalt im Recovery-Haus aussehen?
Die MitarbeiterInnen unterstützen die BewohnerInnen bei dem Erhalt noch vorhandenen
Wohnraumes und bei damit verbundenen Problemen, wie dem Ausgleich von
Mietrückständen, drohenden oder bereits ausgesprochenen Kündigungen sowie der
Lösung der Frage, wer während des Aufenthaltes die Mietkosten trägt.
Ist kein Wohnraum vorhanden, so wird gemeinsam nach geeigneten Möglichkeiten
gesucht. Auf Wunsch helfen die MitarbeiterInnen auch bei Ämtergängen, behördlichen
Angelegenheiten, dem Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften und allen finanziellen,
rechtlichen und sonstigen Problemen, die bei der konkreten Beschaffung von Wohn
möglichkeiten auftreten.
Wie soll das Leben während des Aufenthaltes im Recovery-Haus und danach aussehen?
Gemeinsam mit den MitarbeiterInnen haben die BewohnerInnen im Recovery-Haus die
Möglichkeit, ihr weiteres Leben zu planen und Wünsche zu realisieren.
Besteht ein Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis, so unterstützen die
MitarbeiterInnen auf Wunsch dessen Erhalt.
Ansonsten kann gemeinsam nach Möglichkeiten gesucht werden, eine Aus- oder
Weiterbildung zu machen, eine Arbeitsstelle zu finden oder sonstige Finanzierungs
möglichkeiten zu finden, die ein eigenständiges Leben ermöglichen, z.B. Arbeitslosenhilfe,
Sozialhilfe, etc.
Die BewohnerInnen können im Recovery-Haus lernen, ihren Tagesablauf (wieder)
selbständig und sinnvoll zu gestalten. Sie werden unterstützt bei der Suche nach
befriedigenden sozialen Kontakten, Freizeitaktivitäten, Hobbys und der Verwirklichung
und Förderung von Interessen und Fähigkeiten.
Außerdem unterstützen die MitarbeiterInnen die BewohnerInnen beim Umgang mit
Alltagsproblemen wie Streit, Meinungsverschiedenheiten, Haushaltsführung (Einkaufen,
Kochen, Putzen etc.).
Welche juristischen Hilfen werden benötigt?
Liegt ein „Betreuungs“verhältnis oder eine Zwangsunterbringung vor, so helfen die
MitarbeiterInnen, diese aufzuheben.
Wird einem/r BewohnerIn die gewünschte Akteneinsicht verweigert, hat er/sie Eigentum
oder Geld in der Anstalt zurückgelassen, oder möchte er/sie Schadenersatzklagen führen,
so klären die MitarbeiterInnen über die juristischen Möglichkeiten und Rechte auf und
kümmern sich um geeignete juristische Unterstützung durch RechtsanwältInnen, die auf
diesem Gebiet kompetent und erfahren sind.
Außerdem können MitarbeiterInnen auf Wunsch die BewohnerInnen zu Gerichtsterminen
und zum Sozialpsychiatrischen Dienst begleiten, oder handeln notfalls im Auftrag der
BewohnerInnen als Bevollmächtigte.
7    Zur Frage der Gewalt im Recovery-Haus
Gewalt wird im Recovery-Haus nicht in besonderem Maße erwartet. Durch sogenannte
psychisch Kranke ausgeübte Gewalt ist ein wider besseren Wissens verbreiteter
psychiatrischer Mythos. Dr. med. Georg Bruns schreibt:
Böker und Häfner (1973) haben in ihrer großen Studie `Gewalttaten Geistesgestörter‘
für die Bundesrepublik nachgewiesen, daß die reale Gefährlichkeit Geisteskranker mit
geringen Schwankungen zwischen den Diagnosegruppen (mäßig überrepräsentiert:
Schizophrenie) nicht höher liegt als die Gefährlichkeit der strafmündigen Bevölkerung
als Gesamtheit. Ähnliche Ergebnisse werden aus Schweden berichtet (Lindqvist und
Allebeck 1990), wo für Schizophrene die generelle Kriminalitätsrate auf dem Niveau der
Gesamtbevölkerung lag, für Gewalttätigkeit erhöht war, die Gewalthandlungen jedoch
von deutlich unterdurchschnittlicher Ernsthaftigkeit waren; auch in Alaska (Philipps et al.
1988) erwiesen sich Schizophrene nicht als nennenswert häufiger in Gewaltverbrechen
verwickelt als die übrige Bevölkerung.“
Wie überall gibt es auch in der Gemeinschaft der BewohnerInnen und der anwesenden
MitarbeiterInnen im Weglaufhaus eine Toleranzschwelle für Gewalt gegen andere oder
gegen Sachen, bei deren Überschreiten die BewohnerInnen das Haus verlassen müssen.
Diese Grenze kann nicht abstrakt und im Vorhinein genau festgelegt werden, sondern muß
in der konkreten Auseinandersetzung zwischen den BewohnerInnen, den MitarbeiterInnen
und dem Trägerverein – jeweils individuell – gezogen werden. Prinzipiell gilt, daß ein
Bewohner oder eine Bewohnerin nur im Notfall zum Verlassen des Hauses aufgefordert
wird.
8    Versammlungen im Recovery-Haus
Im Weglaufhaus finden regelmäßig gemeinsame Besprechungen (Hausversammlungen)
der BewohnerInnen und der anwesenden MitarbeiterInnen statt; Entscheidungen werden
mehrheitlich getroffen. In größeren Abständen werden Vollversammlungen der
BewohnerInnen, aller MitarbeiterInnen und VertreterInnen des Trägervereins durchgeführt.
9    Das ideale Haus
Das Recovery-Haus ist ein großes Haus in der Region mit eigenem Garten. Es hat einen
guten Nahverkehrsanschluß. Das Haus bietet Platz für Gemeinschaftsräume, Waschküche, Vorratsraum, Küche, Büro, Werkstatt, Einzelzimmer, Waschräume und
Toiletten. Die BewohnerInnen können sich im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten die
Zimmer nach ihren Wünschen einteilen und einrichten. In dem Haus gibt es durch die
räumliche Trennung von Wohnbereich und Gemeinschaftsbereich auch Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Nach Möglichkeit soll es eine Frauenetage geben. Tagsüber ist der
Gemeinschaftsbereich offen für ehemalige BewohnerInnen und andere BesucherInnen,
sofern die BewohnerInnen keine Einwände haben.
10     Ambulantes“ Recovern
Bei den vielen Diskussionen, die wir mit in der (Gemeinde)psychiatrie Beschäftigten über
unser Konzept in den letzten drei Jahren geführt haben, kamen zahlreiche Einwände. Der
uns am meisten überzeugende, lautet folgendermaßen:
Warum schon wieder eine stationäre Einrichtung, wenn es doch um Entpsychiatrisierung
geht?
Diese Kritik deckt sich mit unseren bislang ehrenamtlich selbst gemachten Erfahrungen. Was wir bisher erreicht haben, war ohne ein Weglaufhaus  möglich.
Andererseits konnten wir mehreren Menschen nicht helfen, eben weil Unterkunft und
ständige  Begleitung fehlten.
Außerdem ist ambulante Hilfe ist auch nach einem Recovery-Haus-Aufenthalt sinnvoll. Die
Berliner Erfahrungen bestätigen dies.
Wir wollen ambulante Unterstützung entweder statt oder nach einem Recovery-Haus-Aufenthalt anbieten. Wichtig finden wir auch hier die zeitliche Befristung.
Wie wird diese Problematik im  Berliner Weglaufhaus angegangen?
In Berlin können Einzelpersonen – anders als in NRW – unabhängig von Trägervereinen
Einzelfallhilfe anbieten. Der Verein zum Schutz vor Psychiatrischer Gewalt nutzt diese
Regelung. Ehemalige PraktikantInnen übernehmen, falls die BewohnerInnen das bei
ihrem Auszug wollen, diese Aufgabe.
Im Gegensatz zum Berliner Verein wollen wir diese Möglichkeit auch ohne einen
vorherigen Weglaufhaus-Aufenthalt anbieten. Auch hier setzen wir die Bereitschaft der
Betroffenen voraus, auf Dauer das Leben eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu
gestalten. Grundsätzlich soll bei ambulanter Unterstützung eine Dauer von drei Jahren
nicht überschritten werden. Der Umfang der Unterstützung richtet sich an der individuellen
Situation aus. Unseren bisherigen Erfahrung nach sind zwischen zwei und zehn Stunden
pro Woche erforderlich.
Die Finanzierung dieser ambulanten Begleitung ist über die Kommunen möglich, leider
werden in  Niedersachsen neue Anbieter durch die Sektorisierung nicht zugelassen. Allerdings hat
das weniger mit unabänderlichen Fakten als mit politischem Willen zu tun. Statt so zu
helfen, daß Begleitung überflüssig wird, steigt die Zahl der als hilfsbedürftig Etikettierten
im ambulanten Bereich ständig. Daran ändert die Begrenzung der Anbieter nichts. Wir
finden es daher sinnvoller, die KlientInnen zwischen verschiedenen Anbietern frei wählen
zu lassen.
11    Finanzielles
Siehe die Seite Kalkulation
11.2 Finanzierung
Die Bewohner werden Mitglied des Vereins.
12    Die Berliner Erfahrungen
Am 1. Januar 1996 wurde – nach zwölfjährigem Kampf um die Finanzierung – das erste
Weglaufhaus in Deutschland eröffnet. Träger ist der Berliner Verein zum Schutz vor
psychiatrischer Gewalt e.V.  Hierzu möchten wir auf das ausgezeichnete Buch  Flucht in die Wirklichkeit. Das Berliner Weglaufhaus“ von Kerstin Kempker verweisen    28.
In dem Weglaufhaus-Faltblatt ist zu lesen:
Sicher ist, es gibt hier keine PsychiaterInnen, keine psychiatrischen Diagnosen
und keine Therapien. (…) Verrückte sind nicht krank, sondern auf einem für
andere schwer verständlichen Weg auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt.
Dafür brauchen sie keine Psychopharmaka, die ihr Gehirn lahmlegen, und
keine Therapie, die ihnen einredet, sie seien behindert. Statt dessen brauchen
sie Ruhe, Zeit, Verständnis und Ermutigung.(…) Das Weglaufhaus bietet 13
wohnungslosen Frauen und Männern für etwa sechs Monate Schutz und
Aufnahme. Sie können hier neue Kraft schöpfen, sich austauschen und
Unterstützung finden bei der Verarbeitung ihrer Psychiatriegeschichte, bei dem
Psychopharmaka-Absetzen, bei der Wiedererlangung der bürgerlichen Rechte
und bei der Entwicklung neuer Berufs- und Lebensperspektiven.“
Das Berliner Weglaufhaus, an dessen Konzeption wir uns orientieren, funktioniert gut. Ein
Vergleich mit psychiatrischen Einrichtungen ist schwierig, da das Berliner Weglaufhaus
ausschließlich obdachlose Psychiatriebetroffene aufnehmen darf     (Finanzierung über
Kostenvereinbarung nach § 93 BSHG auf der Grundlage von §72 BSHG `Hilfe in
besonderen sozialen Schwierigkeiten‘)    . Ursprünglich war das Weglaufhaus     nicht
ausschließlich für wohnungslose Psychiatriebetroffene konzipiert, andere
Finanzierungskonzepte wurden aber nicht bewilligt.     Trotz dieser Einschränkung zogen (laut Statistik und Auswertung der ersten drei Jahre Weglaufhaus) 20% der BewohnerInnen anschließend in eine eigene Wohnung und 17% zu Freunden oder zur Familie; die Aufenthaltsdauer betrug durchschnittlich 62 Tage; das Durchschnittsalter der
BewohnerInnen lag bei 33 Jahren.
Obwohl es sich beim Berliner Weglaufhaus um die am besten ausgelastete
Kriseneinrichtung innerhalb Berlins handelt, war die Weiterfinanzierung Ende November
1998 nicht gesichert. Erst auf massiven öffentlichen Druck erfolgte Anfang Dezember die
Finanzierungszusage für 1999. Der aktuelle Tagessatz beträgt ca 130 Euro.
Qualitativ lassen sich die – bei der übergroßen Mehrheit der BewohnerInnen des
Weglaufhauses – erzielten Erfolge folgendermaßen zusammenfassen:
Aktuelle bzw. sich anbahnende psychosoziale Krisen konnten aufgefangen werden, die
BewohnerInnen entwickelten neue Lebensperspektiven und setzten diese (vor allem in den Bereichen Wohnen, Therapie und Ausbildung) um. Aufgrund der im Weglaufhaus
gemachten Erfahrung, daß mit Krisen auch anders, aktiver umgegangen werden kann,
entwickelten die BewohnerInnen ein neues Bewußtsein für die Verantwortung für das
eigene Leben. Der Dialog und das Miteinanderleben mit Menschen, die ähnliche
Erfahrungen gemacht haben, führte zum Durchbrechen der sozialen Isolation (eine
ausführliche Statistik und Auswertung der ersten drei Praxisjahre im Weglaufhaus ist beim
Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. erhältlich; Postfach 280427, 13444
Berlin).
Kerstin Kempker sagte in ihrem Vortrag `8 Monate Weglaufhaus‘ :
Das Wichtigste am Weglaufhaus ist, denke ich, daß es die Entscheidung
möglich macht: Es gibt (zumindest für einige, die die Aufnahmebedingungen
erfüllen) eine Alternative zur Psychiatrie, und damit gibt es eine Entscheidung.
Und wenn BewohnerInnen sich nach einiger Zeit wieder entscheiden, diesmal
anders, für die Verrücktheit, für die Psychiatrie, für Drogen oder
Psychopharmaka, so ist das immer noch Bestandteil ihrer Freiheit. Zumindest
solange eine Alternative bleibt; und die zu erhalten, das ist unsere Aufgabe.“
13    Was unterscheidet uns von der Psychiatrie?
Oft behaupteten Profis, sie würden nicht großartig anders als wir arbeiten. Und hätten sie
nur genug MitarbeiterInnen, dann machten sie´s genauso.
Zur Erhellung zunächst eine Anekdote:
Ein Psychiatrie-Erfahrener wurde von seinem neuen Psychiater gefragt, was er sich denn
von der Behandlung verspreche.  Naja“, sagte dieser vorsichtig,  ich wäre ganz gern wieder gesund“.  Gesund? Das ham wir hier noch nicht erlebt!“
Dies spiegelt eine häufige Meinung über den Verlauf psychischer Krisen wieder: die
Menschen sind nicht nur krank, sie werden es auch ihr ganzes Leben lang bleiben. Im
Gegensatz dazu sehen wir psychischen Krisen als vorübergehend an. Dies wird den
BewohnerInnen des Weglaufhauses dadurch unmittelbar klar, daß mindestens die Hälfte
der MitarbeiterInnen Erfahrungen im erfolgreichen Umgang mit eigenen psychischen Krisen haben. PsychiatriepatientInnen, ob in der Anstalt oder in der Gemeinde, werden leider nie mit Ex-PatientInnen konfrontiert, die nicht mehr der Psychiatrie bedürfen.
Wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir tun, aber nicht für das, was die
BewohnerInnen tun. Ihre Probleme müssen sie selber lösen, wir bieten einen dazu
geeigneten, unterstützenden Rahmen.
Bei Profis beliebte BesucherInnenfrage im Berliner Weglaufhaus:  Wo ist (der Schlüssel für) die MitarbeiterInnentoilette?“ Es gibt keine MitarbeiterInnentoilette.

14    Kooperation mit bestehenden psychiatrischen Einrichtungen
Kooperation kommt für uns in folgenden Bereichen in Frage:
* Nach der Realisierung eines Recovery-Hauses werden wir unserer Erfahrung aus der
täglichen Praxis auf Kongressen, Tagungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen
vorstellen. Unser Konzept stellen wir bereits jetzt in psychosozialen
Arbeitsgemeinschaften etc. vor.
* Wir werden Menschen informieren, die sich zur Zeit in Psychiatrien oder Heimen im
Ruhrgebiet aufhalten, um ihnen das Weglaufhaus als Alternative zur stationären bzw.
Heimunterbringung zu eröffnen.
* Im übrigen bieten wir anderen Institutionen an, dort untergebrachten Menschen unser
Haus als Alternative vorzustellen .
* Da im Recovery-Haus kein/e ÄrztIn arbeiten wird, werden wir zwecks Psychopharmaka-
Absetzbegleitung mit niedergelassenen ÄrztInnen, in der Regel PsychiaterInnen
zusammenarbeiten.
Grenzen der Kooperation:
* Wir können uns vorstellen mit allen Einrichtungen des psychosozialen Systems
zusammenzuarbeiten. Voraussetzung einer Zusammenarbeit ist allerdings die Achtung
unseres auf Respektierung der Selbstbestimmung basierenden Ansatzes.
* Von uns wird niemand zwangsweise in eine andere Einrichtung wie beispielsweise die
Psychiatrie überwiesen.
* BewohnerInnen, die aus eigenem Willen das Recovery-Haus verlassen wollen oder aus
dem Recovery-Haus ausgeschlossen werden, bieten wir unsere Hilfe bei der Suche nach
einer anderen Einrichtung an. Auch dies kann nur freiwillig geschehen. Wir könnten
dann auf Wunsch beispielsweise Frauenhäuser oder Einrichtungen der
Sozialpsychiatrie empfehlen und mit den entsprechenden Häusern Kontakt aufnehmen.
Selbstverständlich wird im Weglaufhaus niemand gegen seinen/ihren Willen
festgehalten, der/die in die Psychiatrie möchte.

 
     
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Buchpreis24

Literatur:Ute Wehde, Das Weglaufhaus Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene, Berlin, Antipsychiatrieverlag, 1991
Kerstin Kempker (Hrsg.), Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus, Berlin, Antipsychiatrieverlag, 1998
Ingo Runte, Begleitung höchstpersönlich – Innovative milieu-therapeutische Projekte für akut psychotische Menschen, Bonn, Psychiatrie-Verlag, 1. Auflage 2001

Elisabeth Aebi, Luc Ciompi, Hartwig Hansen (Hrsg.) ,Soteria im Gespräch Psychiatrie-Verlag Bonn 1996, 3. Auflage
Loren R. Mosher, Voyce Hendrix, Dabeisein. Das Manual zur Praxis in der Soteria, Psychiatrie-Verlag Bonn 1994
Ingo Runte, Begleitung höchstpersönlich – Innovative milieu-therapeutische Projekte für akut psychotische Menschen, Bonn, Psychiatrie-Verlag, 1. Auflage 2001
Bettina Kroll, Mit Soteria auf Reformkurs – Ein Alternativprojekt bewegt die Akutpsychiatrie, Gütersloh, Jokob van Hoddis Verlag, 1998

 

 
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Links:

Weglaufhaus-Initiative Ruhrgebiet

Weglaufhaus Villa Stöckle

Weglaufhaus-Initiative Saarland

ww.soteria.ch

http://www.lunaticpride.de

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